Szene 2: Führerbunker

Es ist der Sommer des Jahres 2016 und in Mitteleuropa herrscht tiefer Frieden. Die Stromversorgung im Land funktioniert tadellos, denn der Wind weht und die Sonne scheint und überall im Land stehen zur Sicherheit noch ein paar unrentable Großkraftwerke herum, falls mal Flaute ist und dunkel. Computerhacker aller Länder liegen in ihren Hotelzimmern an den Westküsten der Welt und schlürfen Campari-Orange, statt mit revolutionärem Impetus die Cloud-Dienste von Amazon und Google anzugreifen. Heute, das nehmen sie sich ganz fest vor, verlassen sie zum ersten Mal ihr Zimmer, um am Pool ins Abenteurleben der Pauschaltouristen einzutauchen. Nur noch einen Drink. Einzig ein paar russische Tweetbots bombardieren unverzagt die braven Wählerinnen und Wähler der Swing-States des nordamerikanischen Kontinents mit Aufrufen zur Wahl eines hässlichen Narzissten zum Präsidenten ihres von Gott mit seinem Segen zugeschissenen Landes. Summary: Es läuft.

Wenn nur die Mutter des Abiturienten Jens Jeremias Kleist sich nicht weigern würde, ihr Smartphone zu benutzen. Es liegt seit Wochen tiefentladen in der Küche neben den alten Ausgaben der ZEIT, und verfügte es auch nur über ein Mindestmaß an Energie, Bewusstsein und motorischen Fähigkeiten, hätte es sich längst schon vom Fensterbrett auf die Küchenfliesen gestürzt, um der Ressourcenverschwendung seiner Herstellung durch einen Suizid die Krone des Absurden aufzusetzen. Jens hat schon viele Stunden seines jungen Lebens in die Missionierung seiner Mutter investiert, hat lange über lebensnahen Anwendungsszenarien gebrütet, um sie von den Segnungen der neuen Zeit zu überzeugen. Doch sie ist dumm geblieben. Ihr Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit steht weiterhin in den Sternen, und bis er doch noch eines Tages kommt, müssen alle anderen darunter leiden. Ihr selbst ist das egal, die kritische Attitüde gehört gewissermaßen zu ihrem Berufsethos als Lehrerin für Deutsch und Sozialkunde und solange kein Erlass ihrer Kultusministerin sie zu irgendetwas zwingt – als ob jemals…! -bleibt sie gelassen.

Jetzt sitzt Jens also auf dem Fahrrad und strampelt – mitten in den Sommerferien – zu seiner Schule, um einen profanen Einkaufszettel zu holen, den seine Mutter heute morgen, statt ihn in der Küche zu hinterlassen, zusammen mit den Unterlagen für den neuen Stundenplan in ihre Tasche gesteckt hat. Er hat ihr schon mindestens ein Dutzend Apps gezeigt, mit denen Einkaufszettel und To-Do-Listen online verwaltet und mit der Familie geteilt werden können, doch das einzige, was Ramona Kleist an Apps und Internet interessiert, sind lustige Emails ihrer Kollegen mit angehängten Powerpoint-Präsentationen, in die jemand mühsam Katzenvideos eingebettet hat. Meistens falsch, dann funktionieren sie nicht und Jens muss kommen, um das zu „reparieren“. Er hat es schon geahnt, als er die Nummer der Schule auf dem Display sah.

„Ja hallo?“

„Wer ist denn da?“

„Der Führerbunker.“

„Jens, das ist nicht witzig. Was, wenn jemand anders…?“

„Mama, ich kenne deine Stimme.“

„Warum meldest du dich nicht mit Namen?“

„Dito.“

„Was? Hör mal, ich muss wieder ins Meeting zurück. Der Grothaus hat die ganze Woche frei genommen.“

„Willst du es nicht sagen?“

„Was?“

„Ich weiß nicht. Lass mal überlegen. Wer Kennedy ermordet hat? Es waren die Echsenmenschen, oder?“

„Jens, ich muss jetzt auflegen.“

„Mama, DU hast MICH angerufen!“

„Schrei nicht so! Können dein Vater oder du bitte einkaufen gehen? Ich schaff das nicht.“

„Mein Vater ist nicht da.“

„Ja. Naja. Dann fahr du bitte.“

„Was denn?“

„Steht auf dem Einkaufszettel.“

„Der wo liegt?“

„Der liegt nicht, den habe ich hier in meiner Hand. Hol ihn dir bitte kurz ab, okay?“

„Aber das ist die völlig falsche Richtung!“

„Jens, ich muss zurück in Meeting. Die Liste ist lang.“

„Seit wann habt ihr Meetings in der Schule? Heißt das bei euch nicht Konferenz? Oder Lehrkräftevollversammlungsdingsbumms oder so?“

„Wir sind zu dritt, Jens. Es geht um den Stundenplan.“

„Kannst du die Liste nicht abfotografieren und… Ach vergiss es. Moment, faxen! Kannst du sie nicht faxen? Ich hab einen Softfax-Account bei sipgate.“

„Jens, bitte, wer faxt denn heutzutage noch? Klopf einfach am Lehrerzimmer an, okay? Ich muss zurück. Hab dich… wieso geht denn das jetzt nicht?“

„Mama?“

„Gerhard, ich hab den roten Knopf gedrückt, aber die Anzeige leuchtet einfach weiter.“

„Mama?“

„Legt einfach auf, Ramona, dann wird es dunkel. Die Taste ist kaputt, glaub ich.“

„Mama?“

„Aber zum Auflegen brauch ich doch die rote Taste!“

„Mama!“

„Jens? Bist du noch da? Warum legst du nicht auf?“

„Weiß nicht. Ich hab Ferien. Ich mache, was ich will.“

„Ich dachte, du bist längst schon unterwegs! Leg einfach auf, bei mir geht das gerade nicht.“

„Ist die Schultür denn nicht abgeschlossen? Ich kann nur am Lehrerzimmer klopfen, wenn ich in die Schule reinkomme.“

„Moment. Was, Gerhard?“

„Die Schultür, Mama.“

„Ach, du meinst, einfach auf die Station drauflegen? Bist du sicher? Und da stürzt nichts ab oder so? Das ist ja praktisch!“

Tüt-tüt-tüt.

Rechts hoppelt der Supermarkt an Jens vorbei. Die Welt wäre besser, wenn alle Supermärkte hoppeln könnten, immer neben potentiellen Konsumenten her, die Schiebetüren würden sich hin und wieder öffnen und aus dem Inneren würden pausbäckige Einzelhandelskauffrauen herausrufen:

„Heute alles billiger und besser und in Ihrer Lieblingsfarbe! Denn es ist Feiertag auf Grönland und da sollen alle Kunden profitieren, nicht nur die Eskimos!“

Im Hintergrund würden manchmal Cornflakes-Packungen und Milchschnitten aus den Regalen fallen bei der ganzen Hoppelei, denn wie alles im Leben hat auch Kundennähe ihren Preis. Doch ohne Einkaufsliste hilft das alles nicht.

Das Kopfsteinpflaster ist der letzte Scheiß, denkt Jens, während er weiter die Straße entlang hoppelt und strampelt. Sein Tretlager ist eh schon in einem fragwürdigen Zustand und nur weil die Bürgermeisterin an irgendeinem Landesprogramm zur Straßensanierungsförderung teilnehmen wollte, haben sie im letzten Jahr in der ganzen Stadt die Straßen aufgerissen, mit  riesengroßen LKW riesengroße Kopfsteinpflasterhaufen auf die Bürgersteige gekippt und dann einen Sommer lang gewartet. Die Förderperiode für die Baumaßnahmen fing erst im November an. Man müsste mal in diesem Bauausschuss zugucken, Jens’ Chemielehrer sitzt da drin und hält von Zeit zu Zeit Monologe über die Wichtigkeit lokalpolitischen Engagements. Der BMW-Händler an der Hauptstraße sitzt auch im Bauausschuss und muss dauernd rausgehen, weil seine eigenen Anträge beraten werden, hat der Chemielehrer erzählt. Er fährt auch BMW, einen älteren Z3, grün, aber top gepflegt. Jens hat im Herbst ein dämliches Gedicht geschrieben, über dessen zentrale Zeile „Das Kopfsteinpflaster fällt vom Kopfsteinpflasterlaster auf den Kopf des Pastors beim Kanasterspielen am Katasteramt“ wirklich niemand gelacht hat, was schlecht war, weil es die Argumentation in seiner Deutsch-Klausur zum Thema „Lyrik nach Auschwitz“ stützen sollte.

Zur Schule sind es noch zwei Kilometer. Er hat damals eine Vier bekommen, das Gedicht – es war recht lang, eigentlich mehr eine Ballade als ein Gedicht – war einfach durchgestrichen und an den Rand hatte die Lehrerin in rot, dick unterstrichen „ADORNO?!“ gekritzelt. Jens’ Vater, den alle Leute AJ nennen, hat eine Schildkröte namens Adorno. Man sollte meinen, dass Haustiere, die ein Erwachsener besitzt, irgendwann zu Familienhaustieren werden. Doch Adorno ist allein AJs Haustier. Er lebt im Arbeitszimmer und Jens kann ihn dort nur manchmal besuchen. Zu Karneval trägt Adorno einen lustigen Hut, weil AJ zu dieser Zeit meistens depressiv ist. Jens’ Deutschlehrerin ist eine Freundin seiner Mutter, sie hätte das eigentlich wissen müssen, bevor sie ihn kopfschüttelnd nach Hause schickte, als er nach der Stunde an ihrem Pult gestanden hat um nachzufragen, wie eine Schildkröte ein Gedicht verhindern will.

Szene 1: Lieferfenster

„Es heißt“, sagt Daniel seinem Vater, dem Studiendirektor Dr. Richard Grothaus, „Freud und Leid liegen oft dicht beieinander.“

Der Alte sitzt auf seinem Gartenstuhl und birgt den Kopf zwischen den großen Händen. Er hatte eigentlich die Eibe schneiden wollen, Handschuhe und die große Baumschere sind bereits zurechtgelegt, doch werden sie an diesem Tag nicht mehr gebraucht und zum ersten Mal seit Jahren wird Richard Grothaus es versäumen, die Schere abends in den Keller zurück an ihren Platz zu legen. Es wird regnen in der Nacht und auch die nächsten Tage. Die Handschuhe werden bald vollständig durchweicht sein und die Baumschere wird Rost ansetzen. So ist das, wenn die Schwiegertochter stirbt.

„So ein Quatsch!“, ruft Daniel. Er hat viel geheult zuletzt. „Den Teil mit der Freude hab ich jedenfalls verpasst.“

„Setzt dich, Daniel“, sagt der Vater.

„Wir hatten uns gestritten, haben drei Tage lang kein Wort geredet,“ sagt Daniel und setzt sich auf den Stuhl daneben. „In ihrer Einkaufstasche auf dem Gepäckträger lagen ein Universalstaubsaugeraufsatz von Tchibo und Blasenpflaster aus der Apotheke. Ist das Freude?“

„It‘s not that simple.“

„Nein.“

Sie hatte einen Fahrradunfall, ist mit dem Vorderrad in die Lücke zwischen Straßenbahnschienen und Asphalt geraten, vorne über den Lenker gegangen und dann von einem Lastwagen überrollt worden. Hätte sie ihren Helm getragen, den pinken, der seit Jahren an der Garderobe hängt, hätte Daniel sie wenigstens sofort identifizieren können. So aber musste der Arzt in der Medizinischen Hochschule zunächst den Kopf auf die linke Seite drehen. Da hat er sie erkannt. Der Fahrer des Lastwagens steht noch unter Schock. Er musste eine Waschmaschine ausliefern und der Kunde hat sich bereits bei der Hotline beschwert, dass das Lieferfenster nicht eingehalten wurde. Er hatte sich extra den Vormittag freigenommen und der nächste freie Liefertermin ist nun erst in drei Tagen, zwischen 14:00 und 18:00 Uhr, Lieferung bis Bordsteinkante. Er wird wieder Urlaub einreichen, die Maschine hat gute Bewertungen erhalten und ist nirgends billiger zu kriegen.

„Hat Friederike sie so gesehen?“

„Nein“, sagt Daniel. „Sie war schon im Ferienlager. Hab sie heute erst vom Bahnhof abgeholt.“

„Kommt zu uns“, sagt Daniels Vater.  „Für immer, meine ich.“

„Danke, Papa.“

In drei Kilometern Luftlinie, mitten im Stadtpark, sieht Jesus, dass hinter dem Wachholderbusch die Erde aufplatzt. Kopfschüttelnd humpelt er nach Hause.

Themenfindung

Ich frag mich ja häufig: Was wäre so ein Thema? Wo alle denken, wow, das ist cool, darüber würde ich gerne mehr lesen. Wäre „Kochen“ so ein Thema? Sterben? Masturbation? Einhörner?

Bleiben wir mal bei den Einhörnern. Einhörner sind zurzeit auf jeden Fall für einige Menschen um mich herum interessant. Leute haben Einhornsticker, kaufen Einhorntaschen, tragen Einhorn-T-Shirts. Aber „interessant“ ist wohl kein hinreichendes Kriterium dafür, was Menschen als lesenswert erachten. Zu vage, zu subjektiv, nicht ad hoc qualifizierbar und quantifizierbar. Vielleicht sollte ich zumindest nach Verbindungen zwischen Einhörnern mit anderen interessanten Themen suchen. Einfach um Lesegenusswahrscheinlichkeiten zu maximieren.

Überspringen wir die Kombination „Einhörner“ und „Masturbation“ (okay, ich lasse nachfolgend zwei Zeilen Leerraum für spontane Assoziationsketten und Tagträume zum Thema…)

… und gehen wir direkt zum trendy Wohlfühlthema „Kochen“. Also: Kann man Einhörner kochen? Kulturell interessierte Menschen würden jetzt vielleicht einhaken und mich bitten, parallel zur Frage der Machbarkeit auch die Frage zur Normkonformität des Kochens von Einhörnern zu prüfen, also ob man sie unabhängig von praktischen Erwägungen (Temperatur, Dauer, weitere Zutaten, Beilagen, der richtige Wein etc.) überhaupt kochen darf. Fangen mir mit dem letzten Punkt an. Es gibt meiner Recherche nach genau ein Gebiet auf der Erde, wo das Kochen von Einhörnern verboten ist. In irgendeinem indischen Bundesstaat mit einem sehr langweiligen Namen ist das Kochen von Einhörnern (sie nennen sie dort wörtlich übersetzt „Beulenpferde“) tatsächlich expressis verbis streng untersagt, und zwar aus religiösen Gründen. Braten und dünsten genauso. Was mich aber zu der Schlussfolgerung kommen lässt, dass man Einhörner durchaus kochen kann, denn sonst wäre das explizite Verbot des wie auch immer vonstatten gehenden Erhitzens von Einhörnern kaum notwendig.

Man kann Einhörner also kochen. Aber will man das? Es gäbe zumindest eine Menge Widerstand, wenn ich die Befindlichkeiten in meiner Twitter-Timeline richtig deute. Man quält keine Katzen, sondern findet sie süß. Man hat Mitleid mit der bedauernswerten Situation der Hebammen und der Herero. Und man kocht keine Einhörner. Wenn ich sie aber kochen kann und wohl auch darf, dies aus Rücksicht auf mein Umfeld nun nicht tun will, was genau soll ich dann mit ihnen machen? Sie einfach vergammeln lassen? Ich sehe nicht, wie Berge vor sich hin rottender Einhornkadaver irgendetwas besser machen sollten, außer vielleicht für Krähen und Maden. Irgendetwas sollte man schon tun. Und sie einfach in die Müllverbrennung zu geben, wäre vor dem Hintergrund des Nachhaltigkeitsgedankens auch verwerflich: Ressourcenverschwendung und nicht CO2-neutral.

„Moment!“ werden einige rufen, die Argumentation setzt an der falschen Stelle an. Nämlich da, wo die toten Einhörner bereits angefallen sind. Vorher müsste man doch ansetzten. Prävention ist das Stichwort. Sie dürfen gar nicht erst sterben! Das hört sich zunächst mal sehr vernünftig an, ist aber auch unglaublich dumm. Denn natürlich sterben Einhörner, genau wie Ameisen, Schlagen, Schweine und Affenbrotbäume. Lebewesen sterben irgendwann, biologisch macht das durchaus Sinn. Und wenn es viele davon gibt – und wir lieben Einhörner, deshalb gibt es viele davon – dann sterben auch viele. Es gibt also, da hilft kein Beten und keine Petition der Welt, viele tote Einhörner und damit genau zwei Möglichkeiten: Wir bestatten sie in irgendeiner angemessenen Form, also möglichst würdig und CO2-neutral. Oder wir verwerten sie. Bestatten ist aus meiner Sicht ganz schön problematisch. Wir würden den Einhörnern so doch nur unsere sehr menschliche Vorstellung eines würdigen Umgangs mit den Toten aufzwingen. Hat jemals jemand ein Einhorn sagen hören, dass es verbuddelt werden will? Oder verbrannt? Oder dass es mit einer Rakete ins Weltall geschossen werden will? Nein? Darum wäre ich ja eher für’s Verwerten. Kochen ist schließlich nur eine mögliche Form der Verwertung. Genauso gut könnten wir die Einhörner trocknen und schreddern und zu Dünger verarbeiten. Aus dem Horn könnte man edle Computertastaturen fertigen, zum Schreiben von Poesie und nachhaltiger Businesspläne. Mit Sicherheit ließe sich das auch parallel bewerkstelligen, also Kochen und Schreddern und Poesie, wir reden schließlich von Bergen verstorbener Einhörner.

Kommen wir damit noch mal zur Anfangsfrage zurück. Kann man Einhörner kochen? Ja, offenbar kann man Einhörner prinzipiell kochen und okay, vielleicht ist es auch gar nicht so super-abwegig, genau das zu tun (Wobei Kochen nur eine Alternative in einer Reihe von Verwertungsmöglichkeiten darstellt). Stellt sich aber doch fast zwingend die Anschlussfrage: Wie genau kocht man denn Einhörner? Bei Chefkoch.de gibt es Stand heute acht Einhorn-Rezepte, wobei es sich bei fünf davon um Backrezepte handelt und bei den drei verbleibenden um verschiedene Getränke (Einhorn-Likör, Ollis Einhorn-Cocktail und Einhorn-Latte). Ein Kochrezept ist nicht darunter. Dies ist vor dem Hintergrund der (wie wir jetzt wissen sehr naiven!) gesellschaftlichen Tabuisierung des Themas kaum verwunderlich. Doch es gibt Abhilfe. Wenn man den naheliegenden zweiten Schritt geht und wegen der äußeren Verwandtschaft der Einhörner mit den Pferden nach Pferdekochrezepten sucht, finden sich unter den am besten und am meisten bewerteten Einträgen eine Reihe vielversprechender Rezepte zu den Themen „Rheinischer Sauerbraten“ und „Rouladen“.

Rein klanglich finde ich ja „Rheinischer Einhornsauerbraten“ am schönsten. Wäre das so ein Thema? Wo alle denken, wow, das ist cool, darüber würde ich gerne mehr lesen? Das Thema ist auf jeden Fall sehr wichtig. Es wäre ein sehr konkreter und unter Umständen schmackhafter Beitrag zur Lösung echter Probleme (Einhornkadaverberge! Kätzchen und Hebammenarmseligkeit vergessen!). Und ich hätte sogar schon einen passenden Text in der Schublade.

Szene 3: Die Neue

Mittwochs um 18:00 Uhr geht Jesus immer in die Bäckerei am Markt. Er kauft sich eine Nussecke oder einen Mohnstriezel oder was sonst im Angebot ist. Um halb sieben machen sie hier zu, bis dahin gibt es alles für die Hälfte. Nur die Kaffeemaschine ist um sechs schon aus. Zum Glück hat Jesus immer seine eigene Flasche im Rucksack. Er verlässt das Geschäft durch die Hintertür des Cafés und klettert die dunkelgrüne Linoleumtreppe zur Zuschauertribüne der Sporthalle hinauf. Für die Bäckerei ist die direkte Verbindung zur Halle eine Goldgrube. Am Wochenende verkaufen die Damen hinter dem Tresen viele Dutzend Kaffeebecher und Salamibrötchen an Eltern, die anschließend auf der Tribüne sitzen, auf ihre Smartphones starren und den Schlusspfiff herbeisehnen. Natürlich gibt es auch die Engagierten, die mit den großen Fotoapparaten, die es kaum fünf Minuten auf den Bänken hält. Sie bringen meistens ihren eigenen Tee in Thermosflaschen mit und wenn sie überhaupt einmal die Tribüne verlassen, dann nur zum Rauchen draußen auf dem Marktplatz oder um mit Verwandtschaft aus Schuckenbaum zu telefonieren, weil die Pflege der dementen Tante nicht funktioniert. Doch sie, die Engagierten, sind eindeutig in der Unterzahl und in mehreren Whats-App-Gruppen werden Witze über sie und ihre Teleobjektive gemacht.

In der Sporthalle am Markt ist Handball das große Ding. Wenn die erste Mannschaft des TSH zweimal im Monat Landesliga-Heimspiel hat, sind die vier Tribünenränge gut gefüllt mit Freunden, Ehemännern, Kindern und feixenden Jugendlichen, die ein paar Titten hüpfen sehen wollen. Manchmal gibt es Ärger mit den Freunden und den Ehemännern, doch meistens halten sich die Jugendlichen zurück. Zu filmen gibt es sowieso kaum etwas dank Sport-BHs und den alten Schlabbertrikots, die durch jahrelange Wäsche bleich und ausgeleiert sind und zum Teil noch von den Herren stammen. Seit dem Aufstieg letztes Jahr ändern sich die Dinge ein wenig. Es gibt Gespräche mit einer Immobilienfirma über neue Bandenwerbung in der Halle und die Brauerei hat im Frühjahr eine Studentin für Sportmarketing vorbeigeschickt. Die Trikotfarben würden gut zum Logo der Brauerei passen, auch wenn die Frauen, wenn überhaupt, lieber Sauren Apfel trinken und sonst bei Leitungswasser bleiben. Das ist zwar sehr hart in der Gegend, aber auch sehr mineralstoffreich. Die Freundin von Michaela, der Kreisläuferin, arbeitet beim Wasserwerk.

Jesus interessiert sich nicht besonders für Titten, Wasserqualität und Sauren Apfel. Er schaut mittwochs nur beim Training der Jugendabteilung zu. Früher hat er selbst gespielt, nicht immer gut, aber unentbehrlich, denn er war der einzige Torwart der TSH-Junioren in der C-, der B- und der A-Jugend. Wenn Jesus krank war, zogen sie Streichhölzer, wer an seiner Statt den Tiefschutz überstreifen und sich ins Tor stellen musste, das war kein Spaß. Du musst es zwar nicht mögen, den Ball voll in die Fresse zu bekommen, doch es macht die Sache deutlich leichter zu ertragen. Frauenhandball gab es damals nicht beim TSH, inzwischen ist es die größte Abteilung im Verein. Es fing mit einer Lehramtsreferendarin aus Leipzig an. Sie unterrichtete Sport und Englisch auf dem Gymnasium neben der Sporthalle und in ihrer Freizeit baute sie eine erste weibliche D-Jugend auf. Inzwischen ist sie Studienrätin und Trainerin der ersten Mannschaft.

Mittwochs trainieren die weibliche C- und die B-Jugend und Jesus’ Schwester Marieke ist Übungsleiterin der B. Manchmal kommt sein Kumpel Judas später noch vorbei und sie trinken einen Schluck aus Jesus’ Flasche. Doch heute nicht, heute ist Sommerschlussverkauf in der Sportabteilung im Kaufhaus und Judas muss wohl länger arbeiten. Es ist okay. Jesus, den sie schon seit Jahren, seit die Haare ab sind, nur noch AJ nennen, so wie den Blonden bei Simon & Simon früher, wäre eh der einzige, der Judas sehen kann. Die Sportabteilung ist seit Jahren schon geschlossen. Dafür sieht Jesus heute zum ersten Mal die Neue im Tor. Er weiß nichts über sie, nicht, dass sie Rixe heißt, dass sie erst seit ein paar Wochen in der Stadt ist und dass er ihren Vater noch von früher kennt. Sie ist groß, vielleicht 15 oder 16 Jahre alt, Jesus kann so etwas nicht gut schätzen. Er setzt sich gerade in der ersten Reihe hinter das Metallgeländer, als die Mädchen mit der nächsten Übung anfangen. Sie stellen sich in zwei Reihen an den Außenpositionen auf und laufen gleich, sobald der Pfiff ertönt, in kurzer Folge von rechts und links im Wechsel auf das Tor zu. Links, rechts, links, der Dreischritt zum Sprungwurf, Absprung vom Kreis. Es gibt keine einzige Linkshänderin in der B, kein rechts, links, rechts also. Das ist ein Problem für die Rechtsaußen-Position, weil der Winkel für Rechtshänderinnen ziemlich mies ist.

Die Neue im Tor, das ist der Sinn der Übung, muss von einer Seite auf die andere hetzten, die nächste Angreiferin links läuft bereits los, wenn die letzte rechts noch in der Luft ist. Jesus kennt die Übung, er hat sie früher gern gehabt, weil beim Hin und Her zwischen den Pfosten irgendwann das Denken aufhört. Das Denken und die Angst. Wenn der Winkel spitz wird, ist der kurze Pfosten für die Angreiferinnen dicht, die lange Ecke nur durch einen weiten Sprung nach Innen zu erreichen und Handballspieler mit Erfahrung zielen direkt neben das Gesicht des Torwarts. In die Lücke zwischen Kopf und Oberarm. Das machen auch ein paar der Mädchen heute Abend so. Es ist ein Spiel mit der Angst der Torhüterin vor dem Ball, der aus dem vollen Sprungwurf, aus vielleicht viereinhalb, fünf Metern von ihrem Kopf entfernt, mit voller Wucht auf ihr Gesicht zurast. Du weißt erst im letzten Augenblick, ob er dich trifft, oder Zentimeter neben deinem Ohr in der Lücke einschlägt. Natürlich kannst du deine Hände vor‘s Gesicht halten, aber dann gibst du die Deckung der Ecken auf. Und natürlich kannst du auch die Augen schließen und das Gesicht wegdrehen, so wie Jesus es, selbst nach jahrelangem Training häufig getan hat, doch dann verlierst du die Kontrolle. Getroffen wirst du trotzdem. Wenn du dagegen von einer Ecke in die andere gescheucht wirst, wenn du es kaum noch schaffst, rechtzeitig die andere Seite zu erreichen und den kurzen Pfosten abzudecken, wenn du mehr damit beschäftigt bist, wo du den nächsten Atemzug der warmen, verbrauchten Turnhallenluft herbekommst, dann stellt der Körper irgendwann auf Überleben um. Es geht nur noch um Effektivität und um Reflexe. Jesus hat einmal ein Video von sich bei dieser Übung gesehen, sein verzerrtes Gesicht, die weit aufgerissenen Augen und den geöffneten Mund, der irgendwann anfing, die Angreifer in der Luft anzubrüllen. Das war dann technisches Faul: „Du Rinderficker!“

Bei der Neuen ist es vollkommen anders. Bevor Marieke zu ihrer Pfeife greift, um die Übung zu beginnen, steht das Mädchen in der Mitte des Tores kurz vor der Linie und schaut zu Boden. Sie sieht fast schlaff aus und die Arme hängen ihr nach unten. Doch ihre Füße in den weißen Hummel-Turnschuhen wippen ganz leicht auf und ab. Ihr Mund bewegt sich stumm. Sie tänzelt, nur ein bisschen, und sie summt. Wenn er sie fragen könnte, was, dann würde sie mit den Schultern zucken, so tun, als wüsste sie es nicht. Doch ist er weit entfernt, sie haben sich noch nie getroffen und die erste Angreiferin läuft los. Die Neue ist mit einem Schritt am Pfosten, hebt die Arme,  mehr wie im Ballett, der dritten Position, als würde nicht gleich ein Ball mit 90 Stundenkilometern auf ihren Kopf zufliegen. Sie wehrt ab. Ein schwacher Wurf ins lange Eck, links oben. Nächste Seite. Rixe weiß natürlich, dass sie Herbie Hancock summt, „Chameleon“, es ist ihr Stück. Sie summt, um in den Flow zu kommen, nur die Basslinie im Viervierteltakt. Dann, als der zweite Wurf, rechts unten, langes Eck, an ihrem Fuß abprallt, wechselt sie ins Solo. Fast die gleiche Basslinie, aber Fünfvierteltakt. Sie hat es bei YouTube gesehen, Herbie Hancock live, und man muss konzentriert sein, um die Linie durchzuhalten. Die nächste ist so eine, sie zielt direkt neben das Gesicht. Jesus sitzt zu weit weg, er kann nicht erkennen, ob die Neue im letzten Augenblick die Augen schließt oder zumindest zwinkert. Doch sie hat beide Hände oben, sie fängt den Ball, scheint kurz zu lächeln, dann lässt sie ihn auf den Boden abtropfen, rennt zum linken Pfosten. In fünf Minuten lässt sie nur drei Bälle durch. Marieke pfeift, sie sieht zufrieden aus. Die Neue lässt die Arme sinken, bleibt in der Mitte stehen und schaut nach unten.

Vorspring und Achterleine loswerfen!

Hilft ja alles nicht. Die Agentursuche gestaltet sich erwartungsgemäß zäh und unerfreulich. Also schreibe ich derweil was Neues. (Beffaná 2 schiebe ich dann irgendwann im September ein.) Was die neue Sache angeht: Die grobe Idee gibt es schon länger, jetzt gilt es, Struktur, Stil und Perspektive festzuzurren. Heute eine Seite Anfang probiert. Morgen noch mal drüberlesen und gucken, ob ich glücklich damit bin. Sonst einfach noch einmal probieren. Wieder eine Seite. (Wahrscheinlich bis ich siebzig bin).

Selbstdarstellung

Die gute Nachricht ist: Es ist fertig. Die Geschichte heißt Im Moor, es ist ein ca. 230 Seiten langes Manuskript geworden. Die, denen ich sie gezeigt habe, finden sie gut. Ich selbst habe kein Gefühl mehr für die Qualität. Ich lese mir Teile durch, finde sie furchtbar, lese andere Teile, finde sie gut, gehe zurück zum Anfang, halte ihn für banal. Aber wie ich Kai zuletzt schon geschrieben habe: Es ist die beste Geschichte, die ich zu schreiben in der Lage war. Es gab keinen Zeitdruck, keinen Erwartungsdruck, ich habe keinerlei Rücksichten nehmen müssen.  Jetzt ist es so wie es ist.

Die schlechte Nachricht ist: Das, was jetzt kommt, ist furchtbar. Ich suche einen Verlag für die Geschichte bzw. eine Agentur, die mit mir zusammen einen Verlag findet. Die publizierten Ablehnungsquoten, die alle Veröffentlichungen zum Thema kennzeichnende Mach-dir-bloß-keine-Hoffnung-Tonalität, das alles macht mich fertig. Meine Arme sind Gummi, das Tippen fällt mir schwer. Ich versuche professionell zu sein, ich habe Tage in das Erarbeiten des Verlags- bzw. Agentur-Exposés investiert, meine Vita aktualisiert, habe mir die maßgeblichen Websites zum Thema “Agentur bzw. Verlag finden” angeschaut und sogar ein sauteures (und sehr gutes) Buch zum Thema besorgt und gelesen (Sandra Uschtrin und Heribert Hinrichs: Handbuch für Autorinnen und Autoren, 8. Aufl.).

Heute morgen habe ich nun Exposé, Manuskript und Vita an die erste Agentur geschickt. Und weil die Menschen dort Wert darauf legen, ein Manuskript exklusiv angeboten zu bekommen, warte ich erst einmal. Bin ich blöd? Bin ich ein Schaf, dass ich das Ding nicht gleich an mehrere Agenturen rausschicke? Kann sein.

Eins ist aber sicher: Wenn es niemanden gibt, der das Buch veröffentlichen will, wird es Advent 2017 keine neue Beffaná-Staffel geben, sondern eine Adventsgeschichte für Erwachsene mit dem Titel Im Moor.

Epilog

Gestern Abend konnte ich ein wichtiges Kapitel abschließen. Und es ist gar nicht mal so spät geworden! Um halb elf war schon Feierabend und vom Zaubertrank (Cola-O, siehe Foto) ist noch die Hälfte übrig..

Ab heute heißt es also Abschied nehmen. Es fehlen nur noch ein oder zwei Kapitel, deren Handlung ich zwar kenne, nicht aber ihren Aufbau und die genaue Perspektive. Es war ganz seltsam heute morgen, aber ich hatte überhaupt keine Eile, mit dem neuen Kapitel anzufangen. Es ist dieses Mal weder ein Imaginationsproblem (ich habe keine Ideen) noch ein klassisches Execution-Problem (ich kann die Ideen nicht auf Papier bringen). Es ist, als wolle ich das Buch gar nicht zu Ende bringen. Denn klar, es ist inzwischen ein Buch. Und auch klar: Irgendwie werde ich es veröffentlichen, und sei es im Selbstverlag.

Ich erinnere mich noch an die Endphase von Beffaná und vor allem ans Ende meiner Doktorarbeit. Bei der Doktorarbeit war es wirklich besonders. Ich hatte jahrelang gekämpft, um dieses Ding fertig zu bekommen. Und ich würde wirklich niemandem jemals empfehlen, so ein Ding zu schreiben, wenn man nicht wirklich ein großes Herz für wissenschaftliches Arbeiten besitzt. (Meins war eher so mittel groß.) Jedenfalls: Ich habe eben diesen Eintrag wiedergefunden, in dem ich über die letzten drei Seiten meiner Arbeit blogge. Und ich erinnere mich, dass es bereits etliche Monate vorher diesen Moment gab, in dem ich meinen Theorieteil abgeschlossen habe (Im fertigen Buch  war das um Seite 230 herum). In diesem Moment fügten sich die ganzen mühsam erarbeiteten Textteile, für die ich hunderte von Stunden in Bibliotheken verbracht hatte, tatsächlich zu einer sauberen Argumentationskette zusammen. Ich habe damals, es war garantiert 1 oder 2 Uhr nachts, an meinem mit Papierstapeln zugestellten Schreibtisch im KFN gesessen, hatte Tränen in den Augen und hab auf “Drucken” geklickt. Und dann hab ich mir aus dem Kühlschrank in der Teeküche ein Bier geholt, Maceo Parker – People Get Ready angestellt  und mich so richtig gefreut.

Das will ich bald wieder haben. Heute Abend fange ich mit dem Anfang vom Ende meiner Geschichte an. 🙂

182

Es sind wieder ein paar Seiten mehr geworden. Maria findet das Ergebnis bisher gut, das freut mich.

Total!” 🙂

Aber der Plot rast gerade dahin. Es werden keine 70 weiteren Seiten mehr um die Geschichte zu Ende zu erzählen. Vielleicht 20, 30 Seiten noch. Eigentlich sehr dämlich, den Fortschritt einer Geschichte in Seiten zu beschrieben. Aber über Plot und Charaktere will ich noch nicht viel schreiben. Und Seiten, Zeilen, Wörter zählen baut mich nun mal auf. Es ist einfach das sichtbare Ergebnis einer seltsamen Arbeit, die vor allem im Kopf passiert. Und manchmal ist es eben, auch wenn das ein banales Klischee ist, ein Kampf mit den eigenen Dämonen.

Heute bin ich jedenfalls froh. Auch weil ich immer mehr sehe, dass meine mir selbst gesetzte Vorgabe, eine Seite am Tag, genau richtig gewählt ist. An den schlechtesten Tagen schaffe  ich sie gerade so. Und an guten Tage, so wie heute, schaffe ich auch drei oder vier Seiten.

Und jetzt: Kopfhörer auf, in die Abendsonne und 10 Kilometer laufen 🙂

150. But…

Es liegt noch ein dicker Batzen konzeptioneller Arbeit vor mir. Ich hab zwar eine vage Idee über weiteren Verlauf und Ende, aber leider reicht das nicht (mehr). Neun bis zehn Kapitel noch, rund 100 Seiten. Das Schreiben selbst fühlt sich momentan wie Luxus an. Die dramaturgischen Entscheidungen sind dagegen echt hart. #firstworldproblems